Archiv für die Kategorie ‘Miteinander Leben’

Migration und Integration selbst erlebt

publiziert amDonnerstag, 03. Juni 2010
Autorin: Hermine Moser

MigrantInnen sind die „Anderen“ und integrieren sollen sich diese Anderen oder Fremden oder Ausländer. Diese scheinbar so gesicherte Annahme haben wir GUT-Mitglieder durch unser eigenes Erleben bei einer spannenden GUT-Sitzung überprüft.

Das Wort Migration leitet sich vom lateinischen migrare her und bedeutet wandern über geografische und soziale Grenzen. Man spricht von Migration, wenn diese grenzüberschreitende Erfahrung mindestens ein halbes Jahr dauert. Kommt man dann von so einer Erfahrung – das kann ein Studien- oder Arbeitsaufenthalt oder Praktikum gewesen sein – zurück, so ist man remigriert (zurückgewandert) und bringt Migrationserfahrung bzw. einen Migrationshintergrund  mit.

Gleich vorweg: Alle GUT-Mitglieder sind remigriert oder auch immigriert, nämlich zugewandert. Wären wir dort, wo wir einmal hin gewandert sind, geblieben bzw. nicht nach Freistadt hin „ausgewandert“, könnten wir ja nicht bei GUT mitarbeiten.

Manche von uns haben auf anderen Kontinenten gelebt, manche in anderen Ländern innerhalb Europas. Manche haben Migrationshintergrund durch Ehepartner oder Eltern, die außerhalb Österreichs geboren sind. Fast alle haben einige Zeit in anderen Bundesländern oder Regionen verbracht. Manche von uns überschreiten auf dem Weg zur Arbeit täglich die Gemeindegrenze.

Ein Rollenspiel machte uns die eigenen Migrationserfahrungen bewusst. Die Erinnerungen an eine oft gute Aufnahme, die wir auf den verschiedenen Wanderungen gefunden haben, aber auch die Abwehr, die manche erlebt haben – wenn es eine Kindheitserinnerung war, so war dies besonders schmerzlich – haben uns noch eine Weile beschäftigt.

Fotos: Wir gruppierten uns in einem Rollenspiel je nach Intensität der Migrationserfahrung: Hermine und Nikolai waren ein Jahr in Süd- bzw. Nordamerika und längere Zeit in Deutschland bzw. Italien. Martin hat als Kind einige Jahre in der Schweiz verbracht. Barbara ist aus Deutschland zugezogen. Christa und Hatice haben durch nahe Angehörige Migrations­hintergrund. Einige haben in der Bundeshauptstadt oder in anderen Bundesländern gelebt oder sind von umliegenden Orten nach Freistadt gezogen.

Wir glauben, dass wir mit dieser Erfahrung eine gute persönliche Grundlage haben, uns mit dem Thema Migration und Integration auf Gemeindeebene konstruktiv zu beschäftigen.

Hermine Moser, Mitglied der Grünen und für GUT im Integrations- und Sozialausschuss, absolviert derzeit ein interkulturelles Studium an der UNI Salzburg. Auch beruflich ist sie als Lehrerin an einer Sozialfachschule mit kultursensiblen Fragen befasst. Mitglied des interreligiösen Frauentreffs, Mit-Initiatorin des „Bunten Spielplatzes“.

Nützliche Begriffe

Inklusion: Eine Gesellschaft, die Vielfalt in jeder auftretenden Form als Bereicherung ansieht und offene Strategien in allen Bereichen des Zusammenlebens, insbesondere in der Politik, entwickelt, hat keinen Integrationsbedarf mehr, da sie nicht exkludiert.

Integration ist ein gegenseitiger Prozess, der sowohl von Migrantinnen und Migranten als auch von der aufnehmenden Gesellschaft Bemühungen und Entgegenkommen verlangt. Der Gegenbegriff zu Integration ist Assimilation, bei der eine einseitige Anpassung an die aufnehmende Gesellschaft verlangt wird.

Interkultur: Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft interagieren/leben/arbeiten/handeln miteinander.

Nichts ist mehr wie es einmal war.

publiziert amMontag, 24. August 2009
Autorinnen: Hatice Demir, Hermine Moser

Der sich ständig vollziehende Wandel in der Gesellschaft generell ist auch im Zusammenleben in Freistadt erlebbar.

Auf allen Ebenen, in der Wirtschaft, in den Traditionen, in den Religionen, im Bildungs- und Sozialbereich, in der Politik zeigt sich dieser Wandel.

„Nichts ist mehr, wie es einmal war“ ist für viele Menschen eine manchmal auch frustrierende und bedrohlich erscheinende Erkenntnis geworden.

Um einige Beispiele zu nennen:

  • Ein Arbeitsleben ohne Bruch durch Arbeitslosigkeit ist in der heutigen Zeit die Ausnahme geworden.
  • Modernes Konsumverhalten und Kaufkraft-Abfluss in die Metropolen und über Internet stellt örtliche Wirtschaftstreibende vor große Herausforderungen.
  • Die neuen Medien prägen eine vor 20 Jahren noch nicht vorstellbare Kommunikationskultur.
  • Der Zugang zur Bildung für alle scheint offener möglich geworden zu sein. Trotzdem zeigt und entwickelt sich immer mehr ein Bruch zwischen den sogenannten Bildungsfernen und Bildungsnahen mit allen Konsequenzen für gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe.
  • Weltweite Wanderungsbewegungen hinterlassen auch in Freistadt ihre Spuren. Menschen mit Migrationshintergrund, ob aus der Europäischen Union oder aus sogenannten Drittstaaten kommend, sind unsere Mitmenschen geworden.

Die Aufgabe einer erfolgreichen Sozialpolitik in Österreich und in unserer Stadt ist es, Weichen zu stellen, die allen Menschen ein selbst bestimmtes Leben in der Mitte unserer Gesellschaft ermöglicht. Diese Selbstbestimmung soll unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, Sprache und Religion sowie gesundheitlichem und sozialem Status möglich sein.

Dennoch ist immer wieder von Randgruppen oder gar Parallelgesellschaften die Rede. Das können alte Menschen sein, deren Sozialkontakte nur mehr aus den MitarbeiterInnen von sozialen Diensten bestehen. Oder Jugendliche, die, in den Bildungseinrichtungen durchgefallen, ihre Energien in destruktive Aktionen stecken. Oder Mädchen und Frauen, denen die Teilhabe am öffentlichen Leben und am Arbeitsmarkt aus verschiedensten Gründen versagt bleibt. Oder Personen, die sich auf bestimmte kulturelle, ethnische oder religiöse Wurzeln und Sichtweisen berufen, von denen sie annehmen, sie seien die „besseren“ im Vergleich mit denen der Anderen. Oder Mitglieder der so genannten „Leitkultur“, die, ohne viel von „den Anderen“ zu wissen, von diesen Anpassung und Assimilation verlangen. Wir wünschen uns, dass aus den einen und den anderen ein wir wird, und dass dieses wir zur Normalität wird. Unterschiedliche Menschen sollen sich als Menschen präsentieren dürfen und auch als solche wahrgenommen werden.

Damit dieses Wir zur Normalität werden kann, ist jede einzelne Person gefragt, nicht nur ihre Rechte wahrzunehmen, sondern auch ihren eigenen Beitrag für eine offene Gesellschaft zu erbringen. Jedes Verhalten Einzelner oder von Gruppen, das ein gutes Zusammenleben belastet oder die Rechte Einzelner verletzt, soll ohne Rücksicht auf kulturelle Besonderheiten unmissverständlich aufgezeigt werden.

Die Gruppe GUT will eine soziale Politik mit gestalten, die sich der Vielschichtigkeit der heutigen Gesellschaft bewusst ist. Diese Diversität ist ein Potential, das hilft, die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen.

Im Besonderen ist uns wichtig:

  • Fremdenfeindlichkeit, wo auch immer und in welcher Form sie sich zeigt, anzuprangern und mutig dagegen aufzutreten. Dazu gehört für uns auch der in der Bundespolitik sichtbare Populismus in Sachen Zuwanderung, Bleiberecht und Minderheitenrechte.
  • Die Stärkung von Initiativen, die über bestehende Grenzen hinweg Begegnungsmöglichkeiten schaffen: der Sozialmarkt „Arkade“; die Initiative der Pfarre „Freistadt i(s)st international“; der interkulturelle „Frauentreff“; das „Freie Radio Freistadt“; der jährlich stattfindende Tag der offenen Tür und der Kirmes im muslimischen Gemeindezentrum; das geriatrische Tageszentrum; die schulische und berufliche Integration von Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Sie alle sind ein Beispiel für eine starke und verantwortliche Zivilgesellschaft.
  • Verletzung von Persönlichkeitsrechten aufzeigen und dagegen auftreten. Sie darf nicht durch religiöse, ethnische, kulturelle oder sonstige Gründe gerechtfertigt werden.
  • Ein Stil des Respekts und der Fairness in der politischen Zusammenarbeit auf Gemeindeebene. Gerade diese soll eine beispielgebende Qualität des Miteinander Lebens zeigen.

Unsere Gruppe, die aus Persönlichkeiten mit den unterschiedlichsten beruflichen und persönlichen Hintergründen und Qualifikationen besteht, verbindet die Bereitschaft, konstruktiv und offen an der Zukunft von Freistadt mitzuarbeiten. Wir sind davon überzeugt, dass wir einen wesentlichen Beitrag für ein gutes Miteinander in unserer Stadt auf allen Ebenen leisten können.

Hermine Moser schreibt auch in ihrem Blog unter anderem über Interkulturalität:

Miteinander Leben

publiziert amSonntag, 23. August 2009
Autor/innen: Josef Luimpöck, Hermine Moser

Es steht außer Zweifel: Österreich braucht geregelte Zuwanderung. Die auf den Kopf gestellte Alterspyramide infolge des Geburtenrückganges verdeutlicht es. Die österreichische Fremdenrechts- und Einwanderungspolitik hat aber nicht dazu beigetragen, den Zuzug einwanderungswilliger Menschen in sinnvolle Bahnen zu lenken. Ebenso wenig hat Österreich als Aufnahmeland ausreichend Strukturen geschaffen, die ein rasches Einleben in der neuen – vorübergehenden oder ständigen – Heimat ermöglichen und erleichtern.

Bis vor wenigen Jahren gab es zum Beispiel kaum Deutsch-Kurse. Das hat sich inzwischen verändert. Allerdings wird noch zu wenig erkannt, dass Sprache Lernen nur in einem dialogischen Prozess nachhaltig möglich ist. Mit einem Wort: das Angebot von Sprachkursen braucht auch die Förderung von Begegnungsmöglichkeiten, damit die Sprache angewendet werden kann. Auch hier gibt es Fortschritte, wie zum Beispiel engagierte Eltern-Arbeit in den Schulen, und das Rucksack-Projekt in Kindergärten. Den Pädagoginnen, die in diesen Bereichen aktiv sind, gebührt hohe Anerkennung.

Zukunftsweisend wird eine Gemeinwesen-Arbeit sein, welche die Teilhabe aller Menschen unabhängig von ihrer sozialen oder ethnischen Herkunft, Alter, Handicap etc. am gesellschaftspolitischen, sozialen und kulturellen Leben fördert.

Diese Wertschätzung der Vielfalt kann eine Integrationspolitik ablösen, welche, auch wenn sie es nicht so meint, von „den Anderen“ im Grunde genommen Anpassung und Assimilierung verlangt. Durch positiv verstandene Vielfalt, aber auch durch mutiges Aufgreifen von auftretenden Problemen kann politischen Aufwieglern der Boden für ihre Entzweiungsbemühungen in „die Anderen“ und „die Einheimischen“, in die, die sich in der „sozialen Hängematte“ befinden etc. entzogen werden.

Wir streben ein friedliches Zusammenleben aller Menschen an und wollen als GUT unseren Teil dazu beitragen, indem wir entsprechende Akzente setzen.

Miteinander leben heißt für uns

  • Im Bewusstsein der gesellschaftlichen und sozialen Vielfalt aufeinander zugehen
  • Begegnungsmöglichkeiten und Begegnungsräume schaffen und gestalten
  • Interkultur leben: Bewusstseinsbildung für die sich wandelnde gesellschaftliche Realität
  • Nachbarschaftshilfe stärkt den Zusammenhalt in der Gesellschaft – Jung hilft Alt – Alt hilft Jung
  • Mobilität für Menschen ohne Auto – die soziale Komponente des CityBus

Positiv sehen wir eine Reihe von Initiativen und Projekten im Integrations- und Betreuungsbereich. Sie fördern den sozialen Zusammenhalt und stärken die Zivilgesellschaft. In ihr sollen alle Menschen Platz haben.