Erfahrungsbericht eines Audimaxisten
publiziert am 06. Februar 2010Im Oktober 2009 besetzten Studierende der Universität Wien das Auditorium Maximum, kurz Audimax. Aus einer spontanen Aktion wurde eine zwei Monate andauernde Besetzung, die ein beispielloses Medienecho hervorrief und eine weit reichende öffentliche Diskussion über Bildung in unserer Gesellschaft entfachte.
„Reiche Eltern für alle!“ Dieser augenzwinkernde Spruch, der wohl nicht ganz ernst gemeint sein kann, zierte die Wand des Wiener Audimax, als ich es am 22. Oktober letzten Jahres das erste Mal betrat. Dass er fast zwei Monate später noch dort hängen würde, hätte damals noch niemand geglaubt. Ohne es vorher geplant zu haben, besetzten Studierende an diesem Tag den größten Hörsaal der Uni Wien.
Es war ein Zeichen des Protests gegen eine Bildungspolitik, die auf allen Fronten kläglich gescheitert ist. Die Universitäten sind chronisch unterfinanziert, die Hörsäle sind überfüllt, Seminarplätze sind Mangelware. Gleichzeitig hat Österreich EU-weit die wenigsten AkademikerInnen (im OECD-Vergleich liegt nur die Türkei hinter uns). Dass angesichts dieser Tatsachen noch Zugangsbeschränkungen gefordert werden, scheint eher wie ein schlechter Scherz als ein bildungspolitisches Programm.
Bildung statt Ausbildung
Ein Problem, das bisher noch wenig Gehör gefunden hat, wurde in den letzten Monaten endlich auch öffentlich thematisiert: Die zunehmende Verschulung und Ökonomisierung der Universitäten im Zuge der neuen Bachelor-Studiengänge. Was früher die Universitäten ausgezeichnet hat – freie Einteilung des Studiums, selbstbestimmtes Lernen, Hineinschnuppern in verschiedene Fachbereiche – wurde ersetzt durch einen festgelegten Studienplan, in dem für individuelle Interessen kein Platz mehr ist. Gleichzeitig werden die Studieninhalte an die Anforderungen der Wirtschaft angepasst. Auf den ersten Blick ist das kein Problem. Was jedoch viele vergessen, ist, dass die Berufsausbildung nicht die Aufgabe der Universitäten ist. Im Gegenteil. AkademikerInnen sollen kreative und kritische Köpfe sein, die nicht den konventionellen Denkmustern verfallen, die nicht einem starren Berufsbild entsprechen. Gerade die Geisteswissenschaften, um ein Beispiel zu nennen, können wenig wirtschaftlichen „Output“ vorweisen, und trotzdem sind sie für unsere Gesellschaft unverzichtbar. Wissenschaft, auch wenn es manchmal von außen so aussieht, wird nie nur als Selbstzweck betrieben.
Besetzung wird zur Bewegung
Schon lange vor der Räumung des Audimax am 21. Dezember ist die Besetzung zu einer Bewegung geworden, die nicht mehr auf Räumlichkeiten angewiesen ist. Zwar gibt es jetzt keinen großen, besetzten Hörsaal mehr, das ist aber auch gar nicht mehr notwendig. In kleinen Arbeitsgruppen wird konkret weitergearbeitet: An den Arbeitsforen des von Minister Hahn einberufenen „Hochschuldialogs“ nehmen Studierende teil, die Gespräche mit der Universitätsleitung werden fortgesetzt, und die Diskussion muss weiterhin in die Öffentlichkeit getragen werden. Denn Bildung betrifft uns alle.
Nikolai Moser studiert Geschichte an der Universität Wien und ist für GUT stellvertretendes Mitglied im Verkehrsausschuss.